Ein Rendez-Vous mit K’Naan… (Interview)

Noch nie war ich so aufgeregt, vor einem Interview-Termin… Denn vor circa zwei Wochen konnte ich den somalischen Rapper endlich auch mal persönlich kennenlernen. Wer meinen Blog regelmäßig liest, weiß dass ich ein großer Fan des in Kanada lebenden Ausnahme-Musikers bin. Momentan hat er sich mit seinen Fußball-WM-Song „Wavin‘ Flag“ den Top-Chart-Platz reserviert und startet jetzt also ordentlich durch.

In einem Hotel am Wiener Gürtel stellte sich K’Naan einen ganzen Tag geduldig den Fragen der zahlreichen Journalisten. Als ich in sein Hotelzimmer kam, bot er mir spontan etwas zu trinken und zum Essen an, bevor wir es uns auf der Couch gemütlich machten. Im Interview sprachen wir über die alten und neuen Zeiten, seine enge Beziehung zu Youssou N’Dour, seine verstorbene Tante sowie über seine Wünsche und Träume! Die 15 Minuten mit dem extrem sympathischen und total bescheidenen K’Naan vergingen wie im Flug…

Foto: PhyroPhOX

Hey K’Naan! Schön dich endlich auch mal persönlich zu treffen!
K’Naan: Hey, die Freude ist ganz auf meiner Seite!
Du bist im Moment DER Shootingstar aus Afrika. Als ich vor circa fünf Jahren das erste Mal von dir gehört habe, war ich gerade in Marokko und ein Freund von mir erzählte mir eines Tages ganz aufgeregt von dir. Er meinte: „Hey hast du schon von K’Naan gehört? Der Typ ist der Wahnsinn! Seine Musik geht ab und er spricht mir und ganz Afrika aus der Seele!“ Wie geht es dir also, wenn du solche Geschichten hörst, wo du merkst, dass du mit deiner Musik und deinen Texten anscheinend Dinge thematisierst die vielen Menschen da draußen sehr wichtig sind?
K’Naan: Wow! Wow! Wow! Echt… kein Scherz, ich hatte gerade totale Gänsehaut! Wow!
Ich irgendwie auch! (Wir zeigen uns gegenseitig unsere Gänsehaut und grinsen dann einfach mal!)
K’Naan: Hm, das ist powerful. Unglaublich. Ich mein, ich weiß, dass es mittlerweile einigen Menschen auf der ganzen Welt so geht, wenn sie meine Musik hören. Anfangs dachte ich auch, es wäre nur in Afrika so, aber es hat sich „ausgebreitet“ und ist überall. Ich bin komplett überwältigt und habe das Gefühl, dass mir ein ganz spezielles Privileg zugeteilt wurde, mit meiner Musik extrem viele Leute zu erreichen und emotional zu berühren!
Fühlst du dich manchmal eigentlich als der „Prediger oder Erzieher der ersten Welt“?
K’Naan: Okay, ich weiß was du meinst. Nein, ich fühle mich eher als ein Übersetzer oder ein „Erklärer“. Ich erinnere mich noch, als ich ein wenig frustriert war in Nordamerika, also was dort alles passiert ist – von Musik bis Kultur – und wie sich die Menschen dort fühlen. Also, ich war immer eine Art Mediator, zwischen zwei Kulturen, die ich kenne und die ich einander vorstellen und erklären wollte.
Okay, wenn wir schon bei verschiedenen Kulturen sind – Wie war es eigentlich für dich von Somalia nach New York und dann Kanada, in eine komplett andere Welt zu kommen? Also von „Back To The Roots“-Afrika zu einem schnelllebigen, modernen, gestressten Land wie Amerika oder eben Kanada?
K’Naan: Oh ja, das war schwierig. Hard-Core-Anpassung ist da angesagt. Begonnen bei Architektur, usw.. Alles, einfach alles, war irgendwie ein Schock für mich. Kulturschock. Es ist witzig, denn die Kultur in Amerika ist sehr jung und die Architektur ist auch verdammt jung und man merkt einfach, dass die Architektur rund um ein Auto gebaut wurde. Alles ist für Autos designt. Die Distanzen sind also größer und die Menschen fühlen sich nicht wirklich. Da gibt es fast kaum Nachbarn, denn es ist alles irgendwie so weit auseinander oder geschlossen. Wo ich herkomme allerdings, ist die Architektur rund um den Menschen designt. Alles ist viel enger zusammen. Teilweise gibt es diese Nähe noch in Europa. Das war zum Beispiel so ein Punkt an den ich mich in Amerika und Kanada richtig dran gewöhnen musste. Zu Beginn war es nicht nur kalt, weil das Wetter dort ganz anders ist als in Somalia, nein, es war sogar frostig, aber eben wegen dieser Entfernung von Mensch zu Mensch. Das hat mir schon zu schaffen gemacht.
Kommen wir zu deinem aktuellen Song „Wavin‘ Flag“. Ich kenne den Song schon etwas länger und zwar in der Originalversion. Jetzt wurde es neu interpretiert und ist mit Coca Cola als Sponsor als Fussball-WM-Hymne veröffentlicht worden. Ich glaube ja zum Beispiel, dass nicht viele Menschen begreifen, dass dieser Song eigentlich kein Party-Song ist, sondern eher ein sehr trauriges Thema behandelt – über deine drei Kinderfreunde die erschossen wurden. Wer hat den Song eigentlich für die WM ausgesucht? Du oder die Plattenfirma?
K’Naan: Ja, du hast vielleicht nicht ganz unrecht. Und viele kennen mich eben nur aufgrund von diesem einen Song, aber ich habe ihn übrigens persönlich ausgesucht.
Warum denn?
K’Naan: Ich liebe die Idee, Kunst herzunehmen und sie zu verändern. Also, zum Beispiel, wenn ich ein Maler wäre und dir ein Bild malen würde, es dir zeigen und es dann wenig später einfach mal umdrehen und es jemanden anderen zeigen, würde derjenige ein ganz neues Bild sehen. Aber es ist immer noch das gleiche Bild. Es zeigt sich nur von einer anderen Seite. Einer anderen Perspektive. Und genau das ist für mich eine wichtige Übung oder Herausforderung als Künstler, dir zwei Seiten eines Bildes oder eben eines Songs zu zeigen, die beide von mir stammen, aber doch so verschieden sind. Das ist genau was ich erreichen wollte. Der „Spirit“ von „Wavin‘ Flag“ ist immer noch da, obwohl die Fußball-Fans dazu grölen und es als einen Easy-Pop-Song verstehen. Wenn man darüber nämlich nachdenkt, singen sie alle doch immer noch „When I get older, I will be stronger, They‘ll call me freedom, just like a wavin‘ flag“. Und das ist powerful! Für die ganze Welt das zu singen, ist einfach unfassbar berührend für mich!
Oh, eine schöne Erklärung. Mein absoluter Lieblingssong von dir ist „My God“ mit Mos Def.

K’Naan: Puh, ja das ist schon ziemlich alt.
Ja, stimmt, aber das Lied ist genial. Und was mich in Verbindung mit diesem Song interessiert würde – bist du ein sehr spiritueller Mensch? Wie wichtig ist dir deine Religion?
K’Naan: Ja, ich bin’s. Aber Spiritualität oder Religion für mich bedeutet etwas anderes als für die meisten Menschen. Für mich ist es etwas Privates. Meine ganz private Antenne zu meiner spirituellen Welt. Also keine öffentliche Antenne. Ich posaune meinen Glauben nicht herum und spreche auch nicht gern darüber, denn ich finde es geht niemanden etwas an. Es sind meine ganz privaten Gefühle und ich liebe die Verbindung die ich habe, aber sie ist eben meine, meine ganz eigene. Ich will nicht, dass diese persönliche Verbindung zu einem öffentlichen Thema gemacht wird. Also beschütze ich sie und ich glaube nicht, dass Religion oder Spiritualität etwas sein sollte, worüber man sich öffentlich auslässt.
Das ist nachvollziehbar. Danke trotzdem, dass du die Frage beantwortet hast.
K’Naan: Hey, na klar. Das sollte jetzt auch nichts gegen dich sein. Einfach mal ein Statement zu dem Thema, so wie ich es sehe. Aber danke für die Frage – darüber habe ich schon lange nicht mehr gesprochen.
Deine Tante Magool ist in Somalia als Sängerin sehr berühmt und angesehen. Hast du je darüber nachgedacht mal mit ihr einen Song gemeinsam aufzunehmen?
K’Naan: Hm, eigentlich, nein, denn sie ist leider verstorben vor ein paar Jahren.
Oh. Das tut mir sehr leid. Als ich über sie recherchiert habe, bin ich über diese traurige Nachricht nicht gestolpert. Sorry.
K’Naan: Nein, nein, nein, hey, kein Problem. Wirklich. Es ist okay. Aber in einer gewissen Art und Weise ist sie noch total am Leben für mich, durch ihre Songs. Ich erinnere mich daran, als sie starb, dass sich ganz Somalia in tiefer Trauer befand. Sie war also ein wichtiger Mensch für das somalische Volk. Aber ich kann dir eine Geschichte erzählen, die ich bis jetzt noch keinem Journalisten verraten habe. Auf meinem alten Album „The Dusty Foot Philosopher“ ist der „drum-heavy“-Song „Soobax“ zu finden. Als ich diesen Song aufnahm, rief ich meine Tante an. Meine Mama war krank und meine Tante war zu Besuch bei ihr. Und ich sagte ihr: „Auntie, Ich glaube ich habe endlich meinen Sound gefunden. Mit dem Lied „Soobax“ kann ich endlich sagen, dass ist der K’Naan-Sound.“ Und sie antworte:“Das ist wohl die wichtigste Reise für einen Künstler. Ich bin so froh, dass du ihn schon in deinem jungen Alter gefunden hast.“ Dann sagte sie mir, ich solle ihr den Song, so schnell wie möglich zukommen lassen, damit sie ihn sich anhören kann. Bevor ich ihr „Soobax“ schicken konnte, ist sie leider gestorben.
Oh Gott…
K’Naan: Hm… Also in Erinnerung an sie, nahm ich einen ihrer Songs und sang ihn auf dem Album. Der Track heißt „Hoobaale“. (Er stimmt den Song an.) Das ist ihre Melodie!
Ah, ja, den Song kenn ich. Der ist wirklich sehr schön.
K’Naan: Danke. Und am Schluss singe ich ja in Somali und das sind eben ihre Lyrics. Die Collabo zwischen mir und meiner Tante fand also statt, nur machte ich sie eben alleine.
Wow, verrückt.
K’Naan: (lacht) Ja und das wissen wirklich extrem wenige.
Ich fühle mich geehrt.
K’Naan: (grinst) Solltest du auch. Nein… Scherz. Keine Ahnung, warum ich dir das jetzt erzählt habe, aber ja, es passte einfach. Ich glaube, bei einem Konzert oder so, habe ich das einem kleinen Publikum mal erklärt, aber sonst nie thematisiert.
Bleiben wir mal kurz bei Kollaborationen: Wie war die Zusammenarbeit mit Youssou N’Dour eigentlich?
K’Naan: Oh mein Gott, es war unglaublich! Es war irgendwie mein „erster Durchbruch“ oder wie man das nennen soll. Er war glaube ich echt der erste bekannte Künstler, der an mich geglaubt hat und mich ermutigt hat, meinen Weg zu gehen. Er saß oft neben mir und wir sprachen über meine Texte und er dann sagte er eines Tages: „Du bist ein Held. Der Kontinent wird dich lieben.“ Und ich konnte meinen Ohren gar nicht trauen und fragte ihn: „Echt, Youssou? Glaubst du das wirklich?“. Youssou rüttelte und schüttelte mich und sagte: „Jaaaaaaaa, K’Naan, du bist ein Weltklasse-Musiker!“. Das war in den 90ern, als mich noch keiner kannte. Also, ich danke ihm für alles was er für mich getan hat. Letztens trafen wir uns zufällig bei einer Party von Alicia Keys in New York. Wir waren beide eingeladen, wussten das aber nicht vorher. Als er mich sah, schlug er seine Arme um mich und hob mich in die Luft und schrie mich an:“Du hast es geschafft! Ich wusste es doch, dass du es schaffst!“.
Cool. So ein Lob von so einem großen Musiker zu bekommen, ist wie ein Ritterschlag von der Queen.
K’Naan: (lacht) Oh ja, oh ja!
Puh, die Zeit rennt uns davon. Ich hätte noch ein paar kurze Fragen. Was liebst du?
K’Naan: Musik… Melodien, meine Mum, meine zwei Jungs… Aber vor allem besitze ich eine ausgeprägte Leidenschaft für die „großen/fantastischen Sätze“ – Lyrics, die magisch sind und etwas zu sagen haben.
Was hasst du?
K’Naan: Nichts. Das Wort ist zu hart. Sobald du das Konzept des Wortes verinnerlichst, verändert es dich und senkt deine Lebensqualität, im Vergleich wie sie sein könnte oder sollte. Ich könnte das Wort Hass eigentlich aufgrund meiner Herkunft und aufgrund dessen was unser Volk durchmachen musste, in meine Persönlichkeit aufnehmen, aber ich habe gesehen, was Hass mit Menschen anrichtet.
Was willst du mit deiner Musik noch erreichen?
K’Naan: Ich weiß, dass viele Musiker wollen, dass so viele Menschen wie nur möglich, ihre Songs hören. Für mich ist es eher wichtig, dass die Leute die sie hören sollten, meinen Songs lauschen. Ich glaube nicht, dass meine Musik für jeden geschaffen ist. Ja, es mag vielleicht nicht so cool sein,  dass ich das sage, aber ich will das „spezielle Menschen“ meine Musik hören, die sie fühlen und wertschätzen, so wie ich. Aus welchen Gründen auch immer…
Was wünscht du dir für deine Zukunft? Egal ob nun privat oder nur auf deine Musik bezogen…

K’Naan: Ja, ich hoffe, ich kann die Songs schreiben, von denen ich träume. Ich kann mich eigentlich sehr glücklich schätzen, denn viele Musiker, die ich selbst sehr schätze und bewundere, geben mir für meine Musik sehr viele Komplimente und respektieren mich für die Songs die bis jetzt geschrieben habe. Aber meiner Meinung nach, bin ich noch nicht da. Da wo ich sein will. Ich habe noch einen Traum, den ich erreichen will mit meiner Musik. Und ich hoffe, ich erreiche diesen Punkt, bevor es zu spät ist. Ich weiß eben auch nicht, wie lange das dauern wird.
Danke, K’Naan. Ich könnte mit dir eigentlich noch stundenlang weiterplaudern…
K’Naan: (grinst) Ich danke dir! Es war mir ein Vergnügen! Das nächste Mal nehmen wir uns einen ganzen Tag Zeit um zu Tratschen… versprochen (lacht)

Wie immer – das Beste zum Schluß – ein kleiner Freestyle von K’Naan! Leider musste ich das Video mit meinem Mobiltelefon aufnehmen, da mein Cam mal wieder herumzickte. Also, turn up the volume!… Und vor lauter Aufregung vergaß ich K’Naan sogar zu sagen, wie mein Blog heißt 😉

Als kleines Extra-Zuckerl, hier noch die drei Songs, die im Interview thematisiert wurden:

1) Der aktuelle WM-Song „Wavin‘ Flag“, aber im Original:

2) Der Track „Soobax“ und sein erstes Musikvideo:

3) Das Lied „Hoobaale“, bei dem er die Melodie eines Stückes seiner Tante verwendete und am Schluß auch ihre Lyrics eingebunden hat:

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10 Kommentare zu “Ein Rendez-Vous mit K’Naan… (Interview)

  1. Pingback: Uwu-Lena und die Folgen «

  2. Hast mich erwischt… Bei Rap habe ich immer noch vorbehalte, obwohl ich es selber gerne höre. Eine komische Sache. Und da ich Fußball eher nicht mag…

    Naja, ich werde es nachholen und die Musik sobald wie möglich anhören!

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  3. Wow, ich habe ihn für einen Newcomer gehalten :OMG: Ein sehr interessantes Interview. Ich liebe Afrika und seine Musik. Ausgelöst durch Peter Gabriel hat sich da eine ganz neue Welt erschlossen. In der Uni habe ich ja auch eine Zeit südafrikanische Geschichte studiert und vor allem die Tsotsi Kultur und ihre Musik bearbeitet. Einer meiner Dozenten stammt übrigens aus Kamerun, der ist auch so entspannt und ehrlich. Immer wieder schön, eine andere Perspektive kennenzulernen. Jetzt check‘ ich die Musik auf jeden Fall mal aus!

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    • WAAAS? Echt, du hast wirklich geglaubt, er ist ein Newcomer? Dann hast du meine letzten Artikel über ihn aber nicht gelesen, oder? TZ, TZ,… 😉
      Oh yes, I’m in love with africa too! Und K’Naan’s Lyrics beamen mich jedes Mal in die Wüste oder an eine Oase zurück!
      Ich bin schon gespannt, welche Songs von ihm dir gefallen werden – sag bescheid, wenn du dich ein bisschen hineingehört hast!

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