Ein Rendez-Vous mit DEM GRAFEN VON UNHEILIG… (Interview)

Endlich habe ich es geschafft, das Interview vom 11.3. zu transkribieren.  Tut mir wirklich leid, dass es so lange gedauert hat, aber hey, heute ist es endlich soweit. Der Frontmann der deutschen Band „Unheilig“, der seinen echten Namen nicht preisgeben will und sich somit nur „der Graf“ nennt, erwartete mich nach einem langem Promo-Tag in Wien an diesem Donnerstag, um 17h im Café Urania. Harte Schale und ein extrem weicher Kern – der Graf ist ein sehr sympathischer und entspannter Musiker, der mir trotz Müdigkeit jede Frage ausführlich beantwortete!

Ich weiß du hast einen sehr langen Tag hinter dir. Ich habe neun Fragen vorbereitet, aber du musst nicht alle beantworten, wenn du nicht willst.

Der Graf: Das ist überhaupt kein Problem. Mach in aller Ruhe. Mir ist es einfach wichtig, dass du das bekommst was du brauchst.

Oh, dankeschön.

Der Graf: Hey, keine Ursache. Danke dass du Bock hast mich zu interviewen.

Na klar doch. Nun gut, kommen wir zu der ersten Frage: Das neue Album „Grosse Freiheit“ stürmt die Charts nicht nur in Deutschland, sondern auch hier in Österreich. Hast du mit diesem Riesenerfolg gerechnet?

Der Graf: Nein, auf keinen Fall. Also, man kann ja so etwas nicht planen. Wir haben es mittlerweile etwas sacken lassen, aber es ist alles noch Wahnsinn was so passiert, wenn du dann so eine Bestätigung bekommst. Ich mein, ich mach das ja nun schon seit 10 Jahren, mit vielen Leuten die mit mir an diesem Erfolg gearbeitet haben, und wir haben immer gehofft, dass man so eine schöne Bestätigung bekommt. Es war immer so, dass wir von Jahr zu Jahr gemerkt haben, dass wir mehr Fans haben und dass unsere Musik zu mehr Leuten „kommt“. Aber das nur durch Mundpropaganda. Das letzte Album „Puppenspiel“ war in Deutschland auf Platz 13 und das war’s dann auch schon, aber jetzt sind wir in Deutschland auf Platz 1 und hier auf Platz 4, das ist so „WOW“. Aber so richtig begriffen haben wir es noch nicht. (der Kellner bringt dem Grafen ein Cafe)

Ah, okay.

Der Graf: Magst du eigentlich auch etwas trinken?

Nein, danke, ich würde lieber gern wissen, wie bei dir der kreative Prozess aussieht? Wie entsteht ein „Unheilig“-Song? Was inspiriert dich zu schreiben?

Der Graf: Also alles was ich mache, ist irgendwo autobiografisch. Also, alles was ich in meinem Kopf habe, muss raus. Wenn so ein Album fertig ist, fühle ich mich sauberer und irgendwie leer. Ich schreibe mir das wirklich von der Seele – alle Gedanken und Emotionen. Das kann auch eine Geschichte oder eine Erzählung sein, die mir jemand erzählt hat und die mich berührt, oder die ich dann mit mir herumtrage und sie mir dann von der Seele schreibe. Das sind also die Inhalte der Lieder. Aber bevor ich ein Lied schreibe, brauche ich ein Konzept. Ich muss so einen Rahmen haben. Die „Grosse Freiheit“ zum Beispiel – da steckt das Konzept die große Seefahrt, das Meer, der Horizont,  der Aufbruch, die Welt entdecken und auf der Suche nach Neuland zu gehen, dahinter. Bei „Puppenspiel“ war es die Bühne und das Theater. Und wenn ich dann so ein Konzept für mich im Kopf habe, schreibe ich quasi in dieses Konzept die ganzen Lieder rein. All die Emotionen werden dann mit der Sprache des Konzeptes umgesetzt. Du kannst da viele bildlichen Sachen auch bei Seefahrt,  bei grosse Freiheit aufbauen – der Sturm gleicht zum Beispiel einem Kampf, oder so. Oder das Schiff dass auf die große Reise geht, ist wie ein Mensch der auf eine Reise geht.

Sehr interessant.

Der Graf: Ja, aber irgendwie auch ein bisschen bekloppt, merke ich gerade. (lacht)

Von welchen Künstlern und Bands wird und wurde der Sound von „Unheilig“ musikalisch beeinflusst?

Der Graf: (ihm fällt der Zuckerstreuer in den Cafe) Ich mach mal ganz kurz ein bisschen Dreck. (lacht) Also ich höre eigentlich alles an Musik außer Marschmusik und Schlager. Also, Rammstein finde ich gut, Peter Fox finde ich gut, Depeche Mode finde ich gut – ich bin ja selber ein Kind der 80er. Alles was damals so lief, hat mich geprägt und ich glaube, dass ist all das was in meine Musik auch rein fließt. So ein schöner, netter Mix aus vielen Soundelementen und vielen Stilrichtungen und das gemischt mit emotionalen Texten, die das Leben beschreiben – das ist der „Unheilig“-Sound.

Okay. Gestern konntest du auf deine Wiener Fans im Cabaret Fledermaus treffen. Wie hat es dir gefallen?

Der Graf: Ja, war super. Also zuerst habe ich ein wenig Angst davor gehabt, weil ich nicht wusste wie viel das los sein würde. Gut war, dass wir das nur ein paar Tage vorher angekündigt haben, so dass es jetzt doch übersichtlich war. Wenn ich da jetzt rein gegangen wäre und der Laden wäre so proppevoll gewesen, also, das wär schon ein wenig blöd. Ich war persönlich noch nie dort, außer eben gestern und ja, es war sehr emotional, das Ganze. Die Leute haben sich tierisch gefreut, dass ich da war. Mir tat es dann leid, dass ich irgendwie schon nach einer Stunde oder so wieder gehen musste, aber ich musste ja heut Morgen um 5 Uhr aufstehen, um bei Cafe Puls zu sein. Das hab ich den Leuten auch gesagt und mich entschuldigt. Aber es war schon cool. Mich freut es immer total, wenn ich die Menschen sehe und wir können uns alle herzen und umarmen und Fotos machen, oder so, das ist schon sehr klasse. Die sind eben alle sehr emotional an einen gebunden und das ist schon super Feedback.

Dass dir deine Fans sehr nahe stehen, habe ich gestern mitbekommen. Ich war ja auch dabei.

Der Graf: Ach, wirklich? Du warst auch da?

Ja. Ich habe ein paar Fotos gemacht und das Treiben beobachtet.

Der Graf: Aha. Ich habe dich gar nicht gesehen.

Ich war ja auch eher im Hintergrund.

Der Graf: (lacht) Ach so, okay. Cool wäre es jetzt gewesen, wenn du gesagt hättest: „Hä? Wieso? Du hast mir doch Hallo gesagt?“(lacht)

Ich bin heute mal uncool.

Der Graf: Ja, ey, das darfst du auch. (lacht) Ist ja deine persönliche Freiheit.

Na wie auch immer. Kommen wir zu der nächsten Frage, die sich um die Schattenseite der Medaille, also dem Riesenerfolg von „Unheilig“, dreht. Es gibt einige „alte“ Fans von dir und deiner Band, die nicht so ganz damit zurechtkommen, dass du so berühmt bist, oder besser gesagt, sie wollen es nicht akzeptieren und bezeichnen dich als „Sell-Out“. Was sagst du dazu und versuchst du diese „Ex-Fans“ noch umzustimmen?

Der Graf: Erstmals, super dass du das fragst. Also, ne, ich kann es ja auch verstehen, wenn sie das doof finden,  dass wir jetzt eben vor 4.000 Leuten und nicht mehr vor 400 spielen. Das war ja auch schön, diese familiäre Atmosphäre, wo du diesen engen Bezug zu den Fans hast. Aber im Grunde mache ich nichts anderes wie früher. Es gibt Menschen die eben jetzt, plötzlich mehr auf dich aufmerksam werden. In erster Linie glaube ich, dass das jeder Künstler für sich entscheiden muss. Es gibt Künstler die sagen: „Nein, nein, ich will nicht ins Fernsehen oder Radio“, aber ich sehe mich als Künstler der gehört werden will. Wie ein Maler, der ein Bild malt. Und wenn ein Maler ein Bild malt, dann sagt er nicht: „Du kannst es dir angucken, aber du kannst es dir nicht angucken.“ Jeder Maler wäre froh, wenn er eine große Ausstellung machen dürfte und die Menschen seine Bilder sehen. Und ich mache das gleiche mit der Musik. Wenn mich RTL2 fragt, ob sie meinen Song für einen Trailer nutzen können, für eine Fernsehsendung und wenn ich damit keinem weh tue – warum denn nicht? Oder wenn meine Musik bei VIVA oder MTV gespielt wird oder im Radio, ja – warum nicht? In der Hinsicht sehe ich mich als Künstler. Aber jeder soll das auch selber entscheiden. Also, ich habe da kein Problem damit, denn es ist eine ganz normale Entwicklung. Ich habe auch gelernt irgendwie damit zu leben, dass ich es nicht jedem recht machen kann. Das hat zwar eine Zeitlang gedauert und ich war davon auch sehr getroffen und kriege das natürlich alles mit, aber ich weiß, ich kann es einfach nicht allen recht machen. Und wenn einer ein Argument hat, nur wenn er bunte Klamotten trägt, darf er meine Musik nicht hören – das ist ja schon fast rassistisch und das darf man nicht sagen, finde ich. Das muss einfach jedem selber überlassen werden. Aber klar, ich polarisiere im Augenblick und das ist auch okay.

Du hast es also gerade angesprochen mit den bunten oder schwarzen Klamotten. Mich würde interessieren, ob du dich als ein Teil dieser „schwarzen Szene“ siehst oder ob das nur eine Klischee-Schublade für „Unheilig“ ist?

Der Graf: Ja, total. Also, ne, ne. Ich habe ja damals die erste Single „Sage ja“ veröffentlicht und da ist mein Zuhaus. Da komme ich her und da fühle ich mich immer noch zu Hause. Aber eine Szene, so steht es auch bei Wikipedia, ist ein nicht geschlossener Kreislauf. Der bewegt sich und da können auch Leute rein kommen, die da zum ersten Mal darauf stoßen. Ich mein, viele Menschen lernen „Unheilig“ jetzt kennen und haben von mir zum Beispiel vorher noch nie etwas gehört. Für die ist es eben so, dass gerade eine Tür aufgegangen ist, sie schauen rein und denken: „Uh, da ist ja Musik drin. Das ist ja doch nicht nur so ein kleiner Kleiderschrank, sondern richtig groß.“ Die lernen die Musik jetzt kennen. Das merke ich jetzt daran, dass unsere alten Alben immer mehr verkauft werden.

Stimmt, die wurden ja alle Re-Released.

Der Graf: Ja, genau. Die waren ja irgendwann einmal nicht mehr zu haben und das ist natürlich Quatsch. So hat jetzt jeder die Möglichkeit, auch die alten Sachen von „Unheilig“ zu entdecken. Und das finde ich schön. Ist doch toll!

Ich habe herausgefunden, dass das größte Dark Wave und Gothic-Festival Europas in Leipzig stattfindet. Ihr seid dort ja schon mal aufgetreten, aber wie sieht es mit diesem Jahr aus?

Der Graf: Ja, stimmt. Wir sind da glaube ich, vor zwei Jahren beim WGT aufgetreten, oder so. Aber wir machen das immer so, einmal ja, einmal nein, auch bei Mera Luna oder so. Dieses Jahr treten wir nicht auf. Also, wir sind nicht jedes Jahr bei diesen Festivals, damit es nicht langweilig wird. (lacht)

In deiner langjährigen Musikkarriere gab es bestimmt einige Meilensteine oder eben alles-entscheidende Momente und ich würde gerne wissen, an welchen Gänsehaut-Moment du dich am liebsten zurück erinnerst?

Der Graf: Ich bin immer so ein Mensch gewesen der Balladen geliebt hat. Auf dem ersten Album „Phosphor“ ist eine Ballade. Das schönste war, als ich merkte, dass die Menschen diese Musik gut finden. Und dann wurde irgendwann beim zweiten Album, ja, glaube ich, da gab es dann wieder ein Voting, welches Lied den Fans am meisten gefällt, wurde die erste Single. Und das war irgendwann der Song „Schutzengel“. Und das war wirklich so schön, weil das war ein Lied, wo ich eben nicht so tief und düster gesungen, sondern einfach normal gesungen mit hohen Refrain. Das war für mich eine schöne Bestätigung. Und dachte ich mir: „Mensch, du kannst ja auch anders singen und die Leute mögen es trotzdem und nicht immer so böse sein.“ Das war glaube ich eben dieser Moment, wo die diese Vielschichtigkeit anfing, wo man in verschiedene Richtungen gehen kann und das war ein sehr schöner Moment. Dann waren da aber auch noch die Auftritte, wo ich „An deiner Seite“  2008 gespielt habe. Ich habe den Verlust eines guten Freundes damals verarbeitet, auch quasi öffentlich auf der Bühne. Da habe ich dann auch auf der Bühne geheult, aber die Menschen im Publikum haben auch geheult und das war schon toll…Boah, da kriege ich jetzt noch eine Gänsehaut. Da merkst du einfach, dass du nicht alleine bist und das ist eine schöne Bestätigung, als Künstler. Und das hat mir auch gezeigt, dass Musik dafür da ist, solche Emotionen auch zu verarbeiten. Das war super!

Ja, das war es eigentlich auch schon. Ich bedanke mich bei dir für das Interview und dafür, dass du dir dafür Zeit genommen hast. Ich wünsche dir noch viel Erfolg mit deiner Musik und alles Gute.

Der Graf: Ich danke dir. Hat mich sehr gefreut dich kennenzulernen. Viel Glück noch mit deinem Blog. Ich hoffe wir sehen uns bald wieder.

Zum Abschluss, ließ es sich der Graf nicht nehmen, euch eine kleine Video-Botschaft zu schicken, aber er war wirklich schon total müde, denn einen Blog kann man eben leider nocht nicht hören! :mrgreen:

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16 Kommentare zu “Ein Rendez-Vous mit DEM GRAFEN VON UNHEILIG… (Interview)

  1. supergeiles interview mit hochinterressanten fragen+antworten!gibt hervorragende einblicke in das innenleben der band und des grafen!macht appetit auf mehr.witer so und noch viel erfolg mit deinem blog ! mit unheiligsten grüssen bay be

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  2. Pingback: Eure Lieblingslieder « Blutsschwester's Musik-Blog

  3. Hallo, Ihrs!

    Ich muss ganz ehrlich sagen, das ich erst durch den Tod meines Schwiegervaters auf Unheilig gekommen bin. Dieses Lied hat meinen Freund und mich in dieser sehr schweren Zeit begleitet… Aber dann bin ich neugierig geworden, habe speziell nach unheilig auf diversen Seiten gesucht und konnte mich immer mehr mit der Musik identifizieren.

    Jetzt waren wir am 17. April in Köln auf einem Konzert des Grafen und waren total begeistert!!! In seinen Songs steckt sehr viel Gefühl, Menschlichkeit.

    Das hat man jetzt auch wieder in seinem Interview gemerkt! Er ist ein Mensch wie Du und ich.
    Nur kann er seine Gefühle, seine Erlebnisse wunderbar musikalisieren! 🙂

    GROßES KOMPLIMENT AN DEN GRAFEN UND SEINE BAND!!!!!

    Bitte macht weiter so!!!!

    Bis bald mal wieder auf einem Konzert!… Das in Köln war NICHT das letzte!!!!!!!

    Schwarze Grüße von der SchwarzenEnte

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    • Hey SchwarzeEnte!
      Wow – ein echt persönlicher und vor allem langer Eintrag von dir – DANKE!
      Finde es wirklich toll, dass du uns von deinen Erlebnissen mit Unheilig erzählt hast!
      Komm bald mal wieder vorbei und berichte uns von deinen Konzertbesuchen!
      Bye Bye,
      Laila

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  4. Ja, der Graf hört/ließt sich wirklich sehr sympathisch (an). Wobei mir die Musiker auf Tournee teilweise echt leid tun…die laufen ja wirklich vor den Shows von einem Pressetermin zum Nächsten! Aber tja, so ist das Leben und PR einfach ein wichtiger Teil im Musikbizz! Aber egal, ich hoffe es werden in Zukunf noch mehr Interviews mit Musikern kommen, macht den Blog irgendwie noch interessanter als er eh schon ist 😉

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    • Ja, c’est la vie – wenn man ein Musikstar sein will, muss man das in Kauf nehmen 😉 Aber ja, ich weiß was du meinst und war selbst überrascht wie freundlich und geduldig er war, nach seo einem langen Tag!
      Und keine Sorge – mehr Interviews werden folgen – ICH HAB BLUT GELECKT!!!! :mrgreen:

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  5. Hallo, ich fan das Interview mit dem Grafen echt super.
    Ich finde er ist ein Klasse Typ und seine Musik ist spitzenmäßig.
    Freu mich wahnsinnig auf sein Konzert in Köln.

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  6. Pingback: Ein Rendez-Vous mit DEM GRAFEN VON UNHEILIG… (Interview) | UNHEILIGes

  7. Na Toll! Wie soll ich jetzt noch mit Inbrunst behaupten können, dass ich den Typen nicht leiden kann, wenn du hier so n sympathisches Interview + Videobotschaft reinstellst…Vielen Dank auch ;p

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